GfPMagazin September 2012


Themenauswahl:

Leitthema:Marktforschung für den Mittelstand
Hochschulnachrichten:Exkursion zu OSRAM: Prozessdisziplin wird groß geschrieben!
Hochschulnachrichten:Optimierung der Produktionslogistik in der Abteilung Xenarc
Thema:Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen bei Knorr-Bremse Berlin



Leitthema:

Marktforschung für den Mittelstand
Prof. Dr.-Ing. Nicolas P. Sokianos

Führungskräfte kleiner und mittlerer Unternehmen verzichten oft auf aktive Marktforschung und damit auf wertvolle Informationen für die Entscheidungsfindung, gezielte Steuerung des Unternehmensgeschehens und Entlastung der Führungskräfte.

Als Gründe werden häufig fehlende Geldmittel und unzureichende Infrastrukturausstattungen genannt. Vielfach aber ist die finanzielle Schwäche nicht Ursache, sondern Ergebnis einer mangelnden Marktforschung. Dies resultiert aus der Tatsache, dass die Kosten für verlorengegangene bzw. nicht genutzte Wettbewerbsvorteile aufgrund von (Fehl-)Entscheidungen und Aktivitäten ohne Marktforschung häufig sehr viel höher sind, als die benötigten Geldmittel für gezielte Untersuchungen, mit denen außerdem noch die Qualität von Entscheidungen deutlich verbessert werden kann.

Auch das Argument, Marktforschung sei immer mit ausgedehnten Untersuchungen und komplizierten Berechnungen verbunden, lässt sich leicht entkräften. Jede beschaffte Information, die die Qualität einer Entscheidung steigern kann, zählt bereits zur Marktforschung. Grundlegend ist dabei allerdings eine genaue Zielsetzung, um auch die "richtigen" Informationen auf dem kostengünstigsten Weg zu sammeln und auszuwerten. Die Nutzung von Sekundärdaten (z.B. aus Literatur, amtlicher Statistik oder früheren Untersuchungen) statt Primärdaten (die komplett neu erhoben werden müssen) oder die Befragung der Zielgruppe statt einer Zufallsauswahl seinen nur zwei Beispiele für Kosteneinsparungen.

Eine präzise Bestimmung des Informationsbedarfs ist gleichsam Voraussetzung für die Nutzbarkeit der Marktforschungsergebnisse. Damit Berichte zu Untersuchungen nicht in der Schublade landen, ist die zu treffende Entscheidung bzw. das Ziel einer Recherche von Anfang an klar zu definieren und sicherzustellen, dass sowohl Marktforscher als auch das Management des betreffenden Unternehmens die gleichen Intensionen verfolgen. Außerdem müssen die Ergebnisse bzw. deren Präsentation ein hohes Maß an Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit auch für den Nicht-Fachmann besitzen.






In der Marktforschung stecken gerade für kleine und mittlere Unternehmen noch hohe Potentiale, da hier oftmals ein klares Bewusstsein über die eigenen Stärken und Alleinstellungsmerkmale im Wettbewerb fehlt, Zielgruppen nur selten explizit definiert sind und die Komplexität der eigenen Aufgaben und Marktstellung häufig überschätzt wird.
Jedoch muss einschränkend festgestellt werden, dass "schlechte Marktforschung schlimmer als gar keine Marktforschung ist", da unzuverlässige, verzerrte oder falsche Informationen unweigerlich zu Fehlentscheidungen führen würden. Besitzt das Unternehmen selbst keine Fachkenntnisse im Bereich der Marktforschung, empfiehlt sich deshalb die Einbeziehung und Unterstützung durch kompetente Marktforscher und professionelle Spezialisten, die auch über die entsprechenden Tools verfügen.






Qualitative Prognose-Methoden
Die Bedeutung von Prognoseverfahren nimmt angesichts des dynamischen Wandels im betrieblichen Umfeld deutlich zu. Heute stellen wir Ihnen einige Methoden vor, die sich in der Praxis bewährt haben:

  • Die Delphi Methode,
  • Panel consensus,
  • Zukunftsprojektionen und
  • historische Analogien.

Die qualitative Technik, die wohl am erfolgreichsten und am anerkanntesten ist, ist die Delphi Methode.
Die Vorhersagen basieren auf dem Input einer Gruppe von Experten, die sich eingehend mit der zu behandelnden Situation befassen. Die Prognosen werden von jedem Einzelnen unabhängig gesammelt und mit den anderen verglichen, um schließlich eine zusammengesetzte Prognose zu erhalten. Diese wird jedem Teilnehmer nochmals zum Feedback vorgelegt. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis ein Konsens erreicht ist und es nichts mehr zu verbessern gibt.
Die Präzision dieser Methode ist hoch, die Durchführung jedoch kostspielig. Delphi ist für weitreichende Prognosen z.B. bei der Vorstellung neuer Produkte am besten geeignet. Also dort, wo es noch keine Ergebnisse gibt, auf die man sich stützen könnte.

Panel consensus ist in einem Punkt der Delphi Methode ähnlich; auch hier werden mehrere Experten herangezogen, um die Prognose zu erstellen. Der Unterschied ist jedoch, dass die einzelnen Vorschläge nicht unabhängig und geheim von jedem Teilnehmer eingesammelt werden, sondern in einer
direkten Diskussion besprochen werden. Natürlich spielen hier soziale Faktoren eine Rolle und haben erheblichen Einfluss auf das Ergebnis. Gewöhnlicherweise leidet die Genauigkeit der Prognose darunter. Sie verhält sich gegenüber dem angestrebten Zeitraum der Prognose antiproportional, d.h. je länger der Zeitraum ist, für den die Prognose zutreffen soll, desto ungenauer wird sie. Diese Methode ist genau wie Delphi relativ kostspielig, jedoch sind bei weitem nicht so viele Wiederholungen nötig, um zu einem Ergebnis zu kommen. Diese Methode wird meist genutzt, um eine zielgerichtete, informelle Prognose zu erstellen.

Eine Zukunftsprojektion ist eine Prognose, die von nur einer Person erstellt wird, die besonders detailliertes Fachwissen für die zu behandelnde Situation aufweisen kann. Diese Art kann mitunter unzureichende Ergebnisse liefern. Natürlich sind die Kosten viel geringer als bei den zuvor angesprochenen Methoden.

Eine weitere qualitative Technik ist die der Verwendung historischer Analogien. Dazu muss man eine Situation in der Vergangenheit finden, die der aktuellen sehr ähnlich ist. Es ist dann möglich, eine erfahrungsgestützte Prognose zu erstellen. Wenn diese Technik richtig eingesetzt wird, kann man sehr genaue Prognosen erstellen. Diese Methode wird oft genutzt, um die Nachfrage nach neuen Produkten vorherzubestimmen, die vorhandene Produkte ersetzen sollen. Es lohnt sich, sich systematisch mit der Verbesserung von Prognosen zu befassen!

Abschließend noch kurz etwas zu den quantitativen Methoden der Prognose. Sie stützen sich auf deterministische oder auf stochastische Berechnungen, die aus Vergangenheitsdaten, manchmal gestützt auf quantitative Szenarien und Frühindikatoren, Aussagen über künftige Bedarfe, Kurse oder auch über Wahlen treffen. Statistische Analysen dürfen hier naturgemäß nicht fehlen. Prognosis (griechisch) bedeutet vorher wissen, vor anderen. Aus diesem "Wissen" muss sich "Handeln" ableiten.

 
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Hochschulnachrichten::

Exkursion zu OSRAM: Prozessdisziplin wird groß geschrieben!
Prof. Dr.-Ing. Nicolas P. Sokianos

Das Berliner Werk von OSRAM, war Gastgeber für eine Exkursion des Studiengangs Maschinenbau Produktionssysteme (Master) der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Die Studierenden, in Begleitung von Prof. Dr. Sokianos, wurden von Herrn Johannes Kalische, Prozessingenieur, über die Aufgaben und Herausforderungen eines der wichtigsten Bereiche des Werks, der Xenarc Produktion® informiert.
Bei Xenarc handelt es sich um PKW Lampen, die die neueste Xenon-Licht-Technologie nutzen. Geschützt durch mehrere Produkt- und Prozesspatente werden im Dreischichtbetrieb ca. 7000 Lampen pro Schicht für den Weltmarkt hergestellt. Die verwendeten Rundtakt-Automaten wurden größtenteils "maßgeschneidert" im spezialisierten Werk von OSRAM in Augsburg hergestellt.
Der Produktionsprozess zeichnet sich durch eine große Fertigungstiefe und Prozessdisziplin aus. Kunststoffteile für den Sockel der Lampe, die im Fachhandel ca. 60-80 € /Stück kostet, werden von einem Berliner Lieferanten aber auch aus Mitteleuropa bezogen. Die Studierenden konnten sich die eingesetzten Technologien genauer ansehen, die sehr beachtlich sind. So wird z.B. Xenongas gefroren bis es fest ist, damit es nicht verdampft, wenige Takte später werden Temperaturen von 1800° C erreicht, um die verwendeten Glasröhren schmelzen zu lassen. Die Anforderungen und die Prozesssicherheit sind sehr groß.

OSRAM verfügt auch in China über ein Produktionswerk, die Xenarc Technologie wird jedoch nur in Berlin eingesetzt. Mit einem Marktanteil von 30%-40% ist OSRAM gut platziert. Sehr wichtige Konkurrenten sind PHILIPS und General Electric. Beides global operierende Konzerne.

OSRAM gehört zum SIEMENS Konzern und ist eines der ältesten Unternehmen in Berlin, gegründet durch eine Abspaltung von der Berliner AUER-GESELLSCHAFT. Letztere hat bis vor wenigen Jahren lediglich die "Glühstrümpfe" für die Gaslaternen in Berlin gefertigt, bevor dieser Produktionsbereich des Werkes aus Neukölln nach Indien verlagert wurde.

Eines wurde bei dem Besuch klar, die Technologie-Entwicklung gönnt sich keine Atempause.
Die Beuth Hochschule für Technik pflegt seit Jahrzehnten einen recht intensiven fachlichen Austausch mit OSRAM; das Unternehmen ist als Arbeitgeber für Absolventen gefragt.




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Hochschulnachrichten::

Optimierung der Produktionslogistik in der Abteilung Xenarc
Sebastian Krone,
Prof. Dr.-Ing. Nicolas P. Sokianos

Die Logistik wird immer wichtiger für ein Unternehmen. Sie ist das Bindeglied zwischen dem Kunden und innerhalb des Unternehmens zwischen den einzelnen Produktionsschritten. Da die Produktionskosten immer weiter gesenkt werden, steigt aber gleichzeitig der Anteil der Logistikkosten an den Gesamtkosten der herzustellenden Produkte. Die Verpackungsanlage der Xenarc-Abteilung der Osram AG ist die schnellste Produktionsmaschine der Abteilung. Aus diesem Grund ist es überaus wichtig, dass die Vormaterialbereitstellung reibungslos funktioniert. Das ist aber nicht immer der Fall. In den letzten Jahren ist die Kapazität der Autolampenproduktion erheblich gesteigert worden. Dies hatte zur Folge, dass die Materialbereitstellung von Vormaterialien nicht mehr richtig funktioniert. Einer der Gründe hierfür ist, dass noch alle Tätigkeiten zur Auslösung einer Bestellung von den Vorarbeitern per Hand aufgeschrieben und berechnet werden. Aus diesem Grund war das Ziel der Bachelorarbeit von Sebastian Krone, ein verbrauchsgesteuertes Materialbereitstellungskonzept auszuarbeiten, um den Zeitaufwand der Materialbereitstellung zu halbieren und die Über- und Unterlieferung von Vormaterialien an der automatischen Verpackungsanlage abzuschaffen. Mit dem neuen Materialbereitstellungsverfahren soll ein wesentlicher Beitrag für einen reibungslosen Fertigungsablauf geleistet werden.

Um einen optimalen Materialfluss der Lampen zu haben, wurde die Verpackungsanlage in die Nähe des Ablieferpunktes gestellt. Im Ablieferpunkt und an der Maschine werden die Vormaterialien der Verpackungsanlage gelagert. Da in der Xenarc alles geordnet abläuft, hat jedes Vormaterial seinen eigenen Stellplatz, die mit Markierungen versehen sind. In dieser Arbeit wird sich mit den Vormaterialien beschäftigt, die auf einer Paletteangeliefert werden. Als erstes wurde der Ist-Zustand der Materialbereitstellung der Vormaterialien von der automatischen Verpackungsanlage analysiert und die größten Probleme beschrieben. In der Analyse werden der Material- und Informationsfluss der Vormaterialien und das Handling der Materialbereitstellung dargestellt. Der größte Verlust liegt in dem Zeitaufwand für die komplette Materialbereitstellung der Vormaterialien. Es mussten jede Woche 4,5 Stunden für Tätigkeiten wie Bestellung, logistische Abläufe an der Verpackungsanlage und Beseitigungen von Über- und Unterlieferungen "investiert" werden. Auch der Vormaterialbestand war ein leidiges Thema. Durch zu hohe Bestände war das Palettenhandling der Vormaterialien sehr eingeschränkt und dies führte zu unbequemen Arbeitsbedingungen. Die lange Anlieferzeit von 4 Stunden trug zu diesen Einschränkungen bei. Durch diese 4 Stunden musste der Lagerbestand immer hoch sein, und man war auch nicht so flexibel wie es erwünscht ist. Als Ergebnis einer Nutzwertanalyse gab es nur ein Verfahren, das alle Kriterien erfüllt hat. Es ist KANBAN.




Um KANBAN richtig anwenden zu können, müssen alle Mitarbeiter ein Gefühl für diese neue Methodik erhalten. Es ist wichtig, dass sie die Vorteile und Möglichkeiten dieser Steuerung kennenlernen und wie einfach diese funktioniert. Dies kann durch eine Schulung erreicht werden. Für den reibungslosen Ablauf sind Regeln notwendig. KANBAN-Regeln sind z.B. eine Karte entspricht einer Palette Vormaterial, es darf nur so viel geliefert werden, wie auf der Karte angefordert ist und es darf keine Lieferung ohne eine Karte erfolgen. Die Regeln müssen von allen Mitarbeitern eingehalten werden.

Prozessdisziplin ist zwingend erforderlich.

 
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Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen bei Knorr-Bremse Berlin
Matthias Weigel, Knorr-Bremse

Dass ein Turnier nicht durch die Qualität der Fußballschuhe, der Trikots oder der Torwarthandschuhe entschieden wird, ist nicht erst seit dieser Europameisterschaft bekannt. Auch die Virtuosität einzelner Spieler verspricht allein noch keinen Erfolg. Wenn herausragende Profis aufeinander treffen, zählt das Zusammenspiel, die Strategie, die Aufstellung der Mannschaft, der Teamgeist und nicht zuletzt die Tagesform.

Die Spieler sind die entscheidenden Akteure. Doch während man sicherstellen kann, dass zu jedem Match die gleichen Fußballschuhe bereit stehen, so sind die Menschen die unberechenbaren Faktoren. Die routiniertesten Stars können einen schwachen Tag haben und durch einen Fehlpass das entscheidende Gegentor verursachen. Und selbst wenn das Zusammenspiel grundsätzlich stimmt, kann noch eine unpassende Strategie oder die ungeschickte Mannschaftsaufstellung das Spiel negativ entscheiden.

Des Öfteren wird der Fußballmannschafts-Vergleich auf Betriebe und insbesondere Produktionsstätten angewandt - allerdings meist oberflächlich. Differenziert betrachtet kann er jedoch ein gutes Verständnis dafür geben, was den Blick vom Spielfeldrand aus angeht: Nämlich aus Sicht der Trainerbank, in Produktionsbetrieben also die große Band-breite an Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen.

Warum Weiterbilden?
Auch im Berliner Werk der Knorr-Bremse Systeme für Schienenfahrzeuge GmbH gelten als die entscheidenden Faktoren nicht die Werkzeuge, Fräsmaschinen oder Prüfstände, sondern die Spieler. Man kann Mitarbeiter als Risikofaktoren sehen, bei denen man immer mit einem folgenreichen Fehlpass rechnen muss. Man kann aber auch sehen, dass in den Mitarbeitern der entscheidende Wettbewerbsvorteil liegt. Jedes Unternehmen kann sich die gleiche Technik einkaufen, aber nicht dieselben Mitarbeiter. Hier liegt also auch das Potential für den entscheidenden Vorteil.

Bei der Auswahl der Mitarbeiter wird der Grundstein gesetzt. Ab dann liegt es in den Händen des Unternehmens, seine Mitarbeiter zu entwickeln. In Berlin sind dafür zwei Bereiche verantwortlich: Während die Personalabteilung die eher "soften" Bereiche wie Kommunikation und Coaching verantwortet, findet die technische Weiterbildung in Zusammenarbeit mit Experten des unternehmensinternen Produktionssystems, dem Knorr Production System (KPS), statt. M. Rabold, Lean Management Engineer, und Personalreferent D. Raabe bilden das Expertenteam, das die Trainingsmaßnahmen der Knorr-Bremse Berlin koordiniert und teilweise selbst durchführt. Warum müssen wir überhaupt immer weiter fortbilden, qualifizieren, trainieren, warum ist nach der Einarbeitung nicht Schluss? Nicht nur der Markt, die Produkte und der Arbeitsalltag verändern sich ständig. Auch Mitarbeiter verändern sich, vergessen, lernen, entwickeln sich, machen Erfahrungen. Um diese sich immer in Bewegung befindenden Pole im Arbeitsalltag stets produktiv zusammenzubringen und aufeinander einzustellen, sind andauernde Lernprozesse unerlässlich.

Im Spannungsfeld
Diese Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen, so bereits angedeutet, finden stets in einem besonderen Spannungsfeld statt. Dieses Feld spannt sich auf zwischen dem individuellem Mitarbeiter einerseits und dem Betrieb als System andererseits - also zwischen Einzelspieler und Mannschaft. Während die Mannschaft bzw. der Betrieb auf der einen Seite an einem Gewinn interessiert ist, verfolgt auf der anderen der einzelne Mitarbeiter Seite zusätzlich auch persönliche Partikularinteressen.
Und während einerseits alle Mitarbeiter möglichst den gleichen, hohen Trainingsstand erreichen sollen - also alle Spieler die gleiche Ausdauer besitzen sollen -, wird andererseits auch angestrebt, die besonderen Fähigkeiten und Veranlagungen des Einzelnen individuell zu fördern. Stürmer müssen Torschüsse trainieren, Abwehrspieler Zweikämpfe. So wie das Dribbling, also die Technik des Einzelnen geübt werden muss, so dürfen auch gemeinsame Spielzüge und Freistoßvarianten nicht vernachlässigt werden.
Dieses Spannungsfeldes ist sich das Berliner Werk der Knorr-Bremse bewusst und setzt dementsprechend auf ein vielfältiges Trainingsprogramm. Es gliedert sich einerseits nach der Erfahrung und Position des Mitarbeiters im Betrieb: Neueinsteiger, langjährige Mitarbeiter oder Führungskräfte erhalten natürlich verschiedene Trainings. Zusätzlich lassen sich die Weiterbildungen danach einteilen, ob sie für ganze Gruppen oder Teams durchgeführt werden, oder aber individuell an den Einzelnen gerichtet sind. Und schließlich lassen sich die Trainingsmodule noch nach ihrem technischen oder nichttechnischen Charakter ordnen, so dass ein Feld entsteht, welches in all diese Richtungen ausgeglichen sein sollte.

Gleiche Grundlagen für alle
Jeder neue Mitarbeiter lernt zuallererst die Kollegen, die Arbeitsstätte und das Unternehmen kennen. Alle Angestellten verbringen einen allgemeinen Schulungstag in der Knorr-Bremse-Zentrale in München, auf den ein weiterer Tag in Berlin folgt. Bei dieser Einführung gibt es die Möglichkeit, die Produkte, das Gelände, die Führungskräfte, den Betriebsrat, aber auch Ziele und Vorgehensweisen der Knorr-Bremse Berlin in Ruhe kennen zu lernen.
Tiefer in die Mannschaftsphilosophie steigen neue Mitarbeiter dann mit dem KPS-Basistraining ein, das jeder neue Mitarbeiter durchläuft. Hier werden die Grundlagen des Knorr-Produktionssystems erklärt, wie Zero defect, also der Anspruch, null Fehler zu verursachen; die Produktion im One-Piece-Flow, also der Einzelstückfluss an Stelle einer Losfertigung; oder das Ziel einer hundertprozentigen Wertschöpfung. Um diese Ideale zu erreichen, werden den Mitarbeitern zuerst theoretische Werkzeuge und Methoden an die Hand gegeben. So schärfen interne KPS-Experten nicht nur eine Sensibilität für die sieben Arten der Verschwendung (Muda) - also unnötige Lagerung, Wartezeiten, Bewegungen, Korrekturen und Überproduktion, unnötiger Transport und umständliche Prozesse. Auch die Methode der "5 S" steht im Mittelpunkt: Arbeitsplatz sauber halten, aussortieren, ordnen, Standards finden und alles diszi-pliniert umsetzen. Weitere Themen sind die Failure Mode and Effects Analysis (FMEA), der Kontinuierliche Verbesserungs-prozess (KVP) und "8-D"-Reports. Es wird jedoch großer Wert darauf gelegt, dass nach der theoretischen Einführung eine praktische Vertiefung am Arbeitsplatz folgt. Ein aufgemalter Spielzug muss schließlich auf dem Platz ausprobiert werden, bevor er im Turnier angewendet werden kann. Also werden bei Knorr-Bremse alle Themen in der Werkshalle beispielhaft an einem Arbeitsplatz konkret durchgegangen.


Die beiden Achsen ordnen die Schulungen nach ihrem Maße der Individualität
bzw. der Mitarbeiterposition, wobei die Grenzen in der Praxis natürlich verschwimmen.
Der Farbverlauf gibt Auskunft über technischen oder nichttechnischen Charakter der Schulung.


Durch diese Grundlagen werden anfangs alle Mitarbeiter auf den gleichen Stand gebracht. Die Kondition der Spieler ist gesichert, die grundsätzliche Spielphilosophie geklärt. Nun geht es in die Phase des laufenden Betriebs, des Arbeitsalltags. Wobei von Alltag wie gesagt kaum zu sprechen ist. Neue Aufträge bringen neue Anforderungen mit sich, mit neuen Maschinen fallen neue Aufgaben an, durch neue Strukturen entsteht neue Verantwortung; wobei klassische hard skills genauso gefragt sind wie soft skills. Die Qualifizierungsmaßnahmen bekommen nun nach und nach einen individuelleren Charakter.

Vom Team- zum Einzeltraining
Das beginnt bei den technischen "Quality-First"-Schulungen, die die hard skills der Mitarbeiter sicherstellen. Im Werk Knorr-Bremse Berlin wird häufig in komplexen Klein- und Kleinstserien produziert. Produkte wie Zug-Bremsscheiben werden in vergleichsweise geringer Stückzahl produziert, aber unter höchsten Qualitätsanforderungen. Neue Bearbeitungsschritte können daher nie von jedem Mitarbeiter ad hoc ausgeführt werden. Es gilt daher, den Bedarf an qualifiziertem Maschinenpersonal zu berechnen und Trainerpersonal sowie den Zeitplan für eine Schulung festzulegen. Durchgeführte Schulungen werden mit einem Zertifikat abgeschlossen. In Flexi-Matrizen sind nun die erworbenen Kompetenzen festgehalten, so dass auf einen Blick ersichtlich ist, welcher Mitarbeiter für welche Bearbeitungsschritte qualifiziert ist.

In klassischen Segment- und Bereichsschulungen werden weitere bereichsspezifische Informationen an Gruppen von sechs bis acht Mitarbeitern direkt weitergegeben. Als Themen können der Arbeitsplan bzw. die Fertigungsvorbereitung ebenso aufkommen wie Logistik, Qualitätsfragen oder das Produktionssystem. Dabei arbeitet der Trainer selbst in dem betreffenden Bereich und gibt die Informationen weiter.
Früher oder später werden Mitarbeiter auf Herausforderungen stoßen, die allein mit den KPS-Grundlagen nicht zufriedenstellend zu lösen sind. Das kann allgemeine Verbesserungsprojekte betreffen, Projekte zur Effizienzsteigerung oder auch Kostensenkungsmaßnahmen. Dazu werden nach Bedarf und Anforderung fortgeschrittene KPS-Methoden von internen KPS-Mitarbeitern gelehrt. Zu den Methoden zählt bspw. die Wertstromanalyse, anhand derer die (Zeit-)Verschwendung in Prozessketten minimiert werden soll; es geht um Methoden zur Entwicklung von Shopfloor-Layouts, Montagestandards und Arbeitsplatzgestaltung; auch Modelle zur Austaktung und Prozessharmonisierung werden aufgezeigt. Beim KPS-Methodentraining handelt es sich weniger um Fakten-, als vielmehr um methodisches Wissen, das im Anschluss von den Mitarbeitern eigenständig und projektbezogen umgesetzt wird.

Zum strategischen Training bei Knorr-Bremse Berlin zählt weiterhin das Six-Sigma-Training (Green Belt), in dem das statistische Handwerkszeug für diese Methode des Qualitätsmanagements geschult wird. Greifen die kleinschrittigen Ansätze des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses nicht, wird am betreffenden Projekt vor Ort der Umgang mit "Six Sigma" trainiert. Bestandene Trainings werden zertifiziert. Dabei wird das interne Training auch von externen Trainern unterstützt.
Um die KPS-Kompetenzen weiter in die Werkssegmente zu tragen und dort zu verfestigen, schult Knorr-Bremse Berlin ausgewählte Mitarbeiter zu KPS-Koordinatoren. So gibt es im Produktionsbetrieb feste KPS-Ansprechpartner. Diese Koordinatoren erhalten außerdem "Train the Trainer"-Schulungen, so dass sie also auch selbst KPS-Trainings in ihren Bereichen geben können.

Ferner bietet bei Bedarf Knorr-Bremse Berlin interne Projektmanagement-Schulungen an. Die wenigsten Mitarbeiter sind es in ihrem Tagesgeschäft gewohnt, ein gesamtes Team anzuleiten. Daher können Mitarbeiter, die erstmals eine Projektleitung übernehmen, diesbezüglich eine interne Schulung in Anspruch nehmen.

Da aber die spezielle Arbeitssituation des einzelnen und seine individuellen Aufgabenbereiche oft weitere, besondere Anforderungen mit sich bringen, werden zusätzlich auch spezielle Trainings extern gebucht. Die Bedürfnisse des Einzelnen werden unter anderem in den jährlichen Mitarbeitergesprächen festgestellt. Daraufhin wird zusammen mit dem betreffenden Mitarbeiter nach einer individuell passenden Schulung gesucht, die dann intern am Standort München oder extern in Anspruch genommen wird. Dazu gehören inhaltlich ausgerichtete Sprachkurse wie zum Beispiel Englisch für Vertriebs-Mitarbeiter. Nur durch diese Einzelbetreuung kann eine maximal individuelle Förderung und Weiterbildung gesichert werden.

Nicht zuletzt führt Knorr-Bremse Berlin auch Maßnahmen zur Teamentwicklung durch. Auf Anforderung hin werden Programme umgesetzt, um Zusammenarbeit, Effizienz und Teamgeist zu stärken. Hier handelt es sich im Kern um ein klassisches Teambildungs-Programm, das aber wie immer in den individuellen Farben der Knorr-Bremse Berlin getönt ist, sprich: etablierte Methoden werden auf die besondere Situation vor Ort gemünzt.

Training der Führungskräfte
Dass man nie ausgelernt hat, gilt für jeden. Jeder Mitarbeiter, das trifft also auch - oder gerade - auf die Führungskräfte zu. Umfragen bestätigen, dass die Vorgesetzten zu den größten Demotivatoren bei der täglichen Arbeit werden können. Dreht man das Prinzip um, so können die Führungskräfte aber auch die größten Motivatoren im Arbeitsalltag sein. Deshalb sind neben der fachlichen Qualifikation der Führungskräfte personelle Fähigkeiten und soziale Kompetenz mindestens genauso wichtig. Das Verhalten der Führungskräfte prägt die soziale Atmosphäre des gesamten Unternehmens und auch den Umgang der Mitarbeiter unter sich, was sich letztendlich auch auf die Leistung auswirkt.

Menschliches Miteinander ist geprägt von kleineren und größeren Konflikten. Will man Veränderung und Fortschritt, so wird das nie ohne Konflikte geschehen können. Und gleichzeitig wächst man an gelösten Konflikten, ist an Erfahrung reicher und einen Schritt weiter.

Für die Führungskräfte des Berliner Standortes gibt es daher Trainings in Gesprächsführung und Konfliktlösung. Darin soll ein grundsätzliches Verständnis für Konfliktsituationen geschaffen werden, wie man sie erkennt, vermeidet oder löst. Das Programm wird ergänzt durch eine Schulung in Kommunikation, Moderation und Präsentation. Darin werden Führungskräfte u. andere Schlüsselpositionen dar auf vorbereitet, ihre Mitarbeiter auch aktiv zu motivieren, neue Projekte zu initiieren oder Veränderungen anzustoßen und zu kommunizieren. Wie die meisten Schulungen bei Knorr-Bremse Berlin werden auch diese Trainings von internen Kräften, in diesem Fall D. Raabe und M. Rabold, durchgeführt. Der ausschlaggebende Grund hierfür ist nicht etwa ein geringerer Kostenfaktor im Vergleich zu externen Experten. Vielmehr verspricht dieses Konzept, dass die Mitarbeiter erstens ihren eigenen Kollegen eine größere Offenheit entgegenbringen als externen Beratern: So ist eine persönlichere und individuellere Kommunikation möglich. Außerdem herrscht erfahrungsgemäß gegenüber firmeninternen Trainern nicht die Skepsis, dass "der da draußen" sowieso nicht weiß wie es im eigenen Betrieb zugeht. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die internen Schulungsleiter auch entsprechende Qualifikationen besitzen, wie z. B. eine Trainer- oder Moderationsausbildung. Was nicht heißt, dass keine Impulse und Modelle von außen aufgenommen werden sollten. Zu den wichtigsten Trainings zählt Knorr-Bremse Berlin das Nicht-technische Training (NTT), das - von den Erfindern selbst geschult - als "Top-to-bottom"-Training funktioniert. Dieses Training greift wohl am tiefsten in die Manschaftsmoral ein. Nach einem initialen Training für die Führungskräfte wird diese Unternehmensphilosophie intern von den Führungskräften selbst weitergegeben, bis jeder Mitarbeiter darüber informiert ist. Wie der Name sagt, geht es generell um nichttechnische Bereiche wie Motivation und Erwartung. Grundsätzlich ist jeder Mitarbeiter nur so gut, wie er die Erwartungen seines Vorgesetzten erfüllt. Deshalb ist es essenziell, dass im Team die Erwartungen an die Mitarbeiter genau besprochen und definiert werden. Diese Absprachen entlasten langfristig die Führungskräfte, da das Team selbstständig auf ein klares Ziel hinarbeiten kann. Im Idealfall übernimmt jeder einzelne Mitarbeiter die Verantwortung für das von ihm erwartete Ergebnis. Dabei steht ein fairer und transparenter Umgang im Team im Fokus. Grundsätzlich nehmen Sicherheit, Qualität und Produktivität in Unternehmen den gleichen Rang ein. Im Dilemmafall steht jedoch die Sicherheit unserer Mitarbeiter vor der Qualität unserer Produkte vor der Produktivität des Werkes. Das NTT beeinflusst also die Zusammenarbeit in den großen Zusammenhängen, bildet die Fundamente des Miteinanders. So werden Grundsätze des Handelns festgelegt, deren Einhaltung sich nachhaltig auswirkt - bis hin zu Kennzahlen wie Krankenstand und Arbeitsunfälle.


Im Konfliktlösungstraining erzeugen Daniel Raabe (l.) u. Michael Rabold
bei einer Gruppenübung einen beispielhaften Konflikt:
Die Mitarbeiter sollen das Rohr nur mit den Zeigefingern gehalten
auf dem Boden absetzen.


Die Führungskräfte selbst haben schließlich in Einzel-Coachings mit einem externen Coach die Möglichkeit, sich ihren eigenen Zielen, Einstellungen und Werten zu widmen. Im persönlichen Gespräch wird vor allem die Möglichkeit geben, sich vertraulich zur beruflichen Situation auszutauschen und dabei selbst zu reflektieren. Schließlich veranstaltet die Knorr-Bremse Group konzernweite Trainings der Führungskräfte, die zent-ral in München stattfinden.

Langfristig kommt kein Verein, keine Nationalmannschaft ohne die Förderung des eigenen Nachwuchses aus. Besonders wenn es um die Verantwortungsträger von morgen geht. Die aktuellen Führungskräfte des Berliner Werkes wählen daher regelmäßig eine Hand voll Mitarbeiter aus, die an einem speziellen Programm zur Förderung von zukünftigen Verantwortungsträgern teilnehmen können. Es handelt sich dabei um junge Mitarbeiter zwischen 20 und 40, in denen das Potential erkannt wird, mittel- oder langfristig Führungsaufgaben zu übernehmen. Diese Schulungen sind dabei weniger auf reines Methodentraining ausgerichtet, als vielmehr auf die persönliche, individuelle Entwicklung und einer im menschlichen Charakter begründeten Führungskompetenz. In Einzel-Coachings können die jungen Mitarbeiter darüber nachdenken, wie und wo sie sich selbst sehen und ein Gefühl dafür bekommen, wo sie am besten ansetzen, um ihre Entwicklung weiter zu treiben. In Selbstreflexion sollen eigene Potentiale erkannt werden, bei Präsentationsmodulen zeigt sich, wie mit Stress umgegangen wird. Am Ende des Prozesses soll eine Einschätzung abgegeben werden können, ob der betreffende Mitarbeiter sich als Führungskraft in der Zukunft eignen könnte.

In Weiterbildung weiterbilden
Die Mannschaft hat inzwischen viele Stadien durchlaufen. Wir erinnern uns: Anfangs werden die gleichen Grundlagen geschaffen. Jeder Spieler braucht eine ausdauernde Kondition und Ballgefühl; die Mannschaftsphilosophie und der Spielstil wird geklärt. Dann geht es an die technischen Einzeltrainings, die auf die speziellen Aufgaben abgestimmt sind. Wieder im Team werden gemeinsame Spielzüge erlernt und geübt. Die Kommunikation untereinander wird abgestimmt, der Teamgeist beschworen. Der einzelne Spieler reflektiert sein Spielverhalten und kann spezielle Trainingseinheiten fordern. Der Mannschaftskapitän trainiert, Verantwortung zu übernehmen; allgemeine Spielgrundsätze werden geklärt und früh genug wird an Nachwuchsförderung gedacht. Inzwischen sollte deutlich geworden sein, dass der differenzierte Vergleich mit dem Fußballtraining ein Bewusstsein für die vielfältigen Anforderungen an Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen schaffen kann. Lernprozesse setzen in einem Spannungsfeld an u. müssen zu allen Seiten ausgerichtet sein. Knorr-Bremse Berlin versucht, diesen Ansprüchen durch ein vielfältiges Angebot gerecht zu werden. Doch auch hier gilt: Das System der Weiterbildung und Qualifizierung ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Auch die Lehrenden müssen fortwährend dazulernen. Weiterbildungsprogramme selbst sind stets anzupassen und zu verbessern, nur so kann dauerhaft in der Spitzenklasse gespielt werden. Und letztendlich gibt es doch noch einen beruhigenden Unterschied zum Spiel mit dem runden Leder: Es entscheidet sich nicht nur in neunzig Minuten, wer der Beste ist - und öfter als nur alle vier Jahre.

 
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