Pressespiegel
Die Europäische Automobilzulieferindustrie:
 Im Spagat zwischen Innovation und Rationalisierung 
(GfPM Magazin März 2006)


Die Europäische Automobilzulieferindustrie:
Im Spagat zwischen Innovation und Rationalisierung


Eingeklemmt zwischen steigenden Öl- und Rohstoffpreisen einerseits, andererseits unter dem Druck von Überkapazitäten sind die OEM-Hersteller in Handlungszwang. Rationalisieren und Marktanteile verteidigen, besser noch ausbauen.

Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb, dessen jüngstes Opfer - die britische Rover, 2005 - fast schon in Vergessenheit geraten ist. Weitere, viel renommiertere Hersteller als Rover stehen am Rande des Abgrunds: die amerikanischen Riesen GM und Ford, dicht gefolgt von VW, zumindest den Worten des CEO Bernd Pischetsrieder nach. Das Sanierungsprogramm, das vermutlich ca. 20.000 weitere Mitarbeiter (auch in Deutschland) ihren Job kosten wird, sei keiner Profitgier geschuldet, sondern folge einer Notwendigkeit zum Überleben. Auf dem Fuße folgte jener Presseerklärung im März der Verkauf der profitablen VW-Tochter Europcar für 3,32 Mrd. €. Die Alternative, in Europcar zu investieren und sie evtl. für einen Börsengang fit zu machen, wurde geprüft und mangels Ressourcen verworfen. Das Geld aus dem Verkauf benötigt VW dringend zur eigenen Sanierung. Zudem folgt diese Entscheidung der Strategie, sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat sich der Vorstand von DaimlerChrysler zum (Not-)Verkauf von MTU (Luftfahrt-Triebwerke) entschlossen, die der Investor KKR mittlerweile sehr erfolgreich (d. h., mit hohem Gewinn) über einen gekonnten Börsengang saniert hat. Der Maschinenbau-Teil der MTU (Dieselmotoren) wurde in diesem Jahr an einen schwedischen Finanzinvestor (EQT) verkauft, dies einvernehmlich mit dem Betriebsrat.




Managementstrategien

...sind dadurch gekennzeichnet, dass deren Auswirkungen erst nach mehreren Jahren spürbar werden. Deutlich und schmerzlich spürbar ist jedoch der immense Druck der OEMs auf ihre Zulieferer. Diese sollen einerseits hervorragende Qualität und Technologie liefern, gleichzeitig aber die Preise um 10 oder 15 % (jährlich!) reduzieren. Es verwundert nicht, dass die Kooperationsbereitschaft der Lieferanten, z. B. beim Going Global mitzumachen, recht gedämpft ist - zumal, wenn keine langfristigen Verträge geboten werden. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis eigenverantwortliche Investoren mit First Tier-Lieferanten eine alte Marke wieder zum Leben erwecken und global vertreiben. "Unmöglich!", denken Sie? Nun, in China sind derartige Konzepte über das Entwurfsstadium hinaus.

Beim Kongress Strategieforum Automobil-Zulieferer von Euroforum (
www.euroforum.de) im Februar wurden mehrere Detailfragen zur Zukunft von Automobilzuliefern behandelt:
  1. Das Outsourcing als ein Weg der Effizienzsteigerung - vorausgesetzt, ein kompetenter und vertrauenswürdiger Partner ist vorhanden (siehe Abbildungen).

  2. Die gemeinsame Nutzung von F&E-Zentren durch OEM und Lieferanten, die teils mit Landesunterstützung betrieben werden. Zu nennen wären etwa Ericsson Eurolab Deutschland, das Ford Forschungszentrum Aachen, Philips Forschungslaboratorien, FEV Motorentechnik GmbH, European Microsoft Innovation Center und Denso - Aachen Engineering Center. Lokale Netzwerke sind dabei insbesondere für KMU nutzbringend für den schnellen, intelligenten Austausch von Know-how und Informationen, Innovation durch Kooperation in gemeinsamen Projekten und den Zugang zu Ressourcen, Infrastruktur und Ausstattung insbesondere im Bereich F&E. Zudem helfen Netzwerke beim Vermeiden von Fehlern, dem Finden von internationalen Partnern sowie der Identifizierung mit einem Netzwerk, einer Region, einem "Wir-Gefühl".

  3. Beteiligungskapital zur Stärkung des z. T. an Eigenkapitalmangel leidenden Mittelstandes (siehe Kasten Private Equity). Beteiligungsanlässe sind oftmals: Wachstumskapital, Wechsel im Gesellschafterkreis/Nachfolgeregelungen (MBO/MBI), Konzernausgliederung (Spinoff), Bridge Finanzierung vor dem IPO, Rückzug von der Börse (Going Private), Umfinanzierung (Replacement Capital) und Sanierungs-Finanzierung.

  4. Innovation und Intellectual Propterty development: In dieser Schlacht, die ohne Zweifel weitere Opfer fordern wird, ist die Nutzung aller Vermögenswerte und Fähigkeiten, insbesondere der immateriellen, eine Überlebensfrage. Bedauerlich ist der oft anzutreffende Mangel an diesbezüglichem Wissen und geeigneten Patentstrategien. Systematisches Durchforsten des vorhandenen Patentportfolios, Cross-Lizensierung und/oder Kauf von Lizenzen/Patenten ist angesagt (hierzu bietet das Management-Forum Starnberg das hervorragende Seminar "Strategisches Patentmanagement"). Es ist ja kein Geheimnis, dass die Einkäufer der Automobilindustrie sehr wohl auf die Technologiekompetenz und diesbezügliche Rechte der Lieferanten großen Wert legen (aber mitunter die Bedeutung im Verhandlungsgespräch herunterspielen). Dass durch die Macht des Abnehmers Lieferanten zur Lizensierung von Patenten an Konkurrenten gezwungen werden, mag man bedauern, aber es gehört häufig "zum Spiel".




Stellt sich abschließend die Frage: Was macht die "Zentrale Regierung" in Brüssel (gemeint sind die EU-Behörden und Kommissare)? Nun, man befasst sich mit sehr wichtigen und interessanten Themen, erlässt neue Regulierungsvorschriften und hat auch mit der EU-Verfassungsneuauflage zu tun. Eine Industriepolitik mit zukunftssicherndem Charakter wird jedoch kaum sichtbar. Leider

Prof. Dr.-Ing. Nicolas Sokianos

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