Pressespiegel
Das Ersatzteilgeschäft im Fadenkreuz
(GfPM Magazin September 2006)


Das Ersatzteilgeschäft im Fadenkreuz

Angesichts des harten Kampfes im Produkt- bzw. im Anlagengeschäft wird der After Sales Service zunehmend entscheidend bei der Erzielung einer positiven Rendite. Dabei war es schon in manch einer Branche wie im Flugzeug-Triebwerksbau häufig der einzige Weg Geld zu verdienen. Auch manch ein Groß-Projektder Fahrtreppenhersteller oder Aufzugshersteller wäre ohne das Ersatzteil- und After-Sales-Geschäft nicht mal eine Kalkulation wert.

Die heutige Situation ist sehr wohl unterschiedlich in verschiedenen Branchen. Es gibt jedoch einen gemeinsamen Nenner: Neue Konkurrenten entstehen und wollen den OEM (Original Equipment Manufacturern)einen guten Teil ihrer Beute rauben. Einige Beispiele mögen die Situation verdeutlichen:

In der Automobilbranche ist es den OEM bisher gelungen, den Designschutz für die Ersatzteile zu verteidigen. Das heißt, dass alle Teile des Automobils, die vom Design (und somit von einer besonderen geistig kreativen Leistung) geprägt sind, nicht ohne explizite Beauftragung von den OEMs von Drittanbietern nachgebaut werden dürfen, egal ob es Türen, Stoßstangen oder Leuchten sind.

Der sich mit dem Argument „mehr Wettbewerb“ für das Streichen des Designschutzes vehement einsetzende EU-Kommissar wurde bisher durch eine koordinierte Lobby-Arbeit ausgebremst. Die Gegner der Liberalisierung hatten schwergewichtige Argumente, die die Politiker überzeugten. Weniger die reduzierte Sicherheit, vielmehr die befürchtete Zunahme der Arbeitslosigkeit war das stichhaltige Argument. Gefahr droht hier nicht nur aus Asien, sondern auch von Ländern im Vorhof der EU. Diese Lieferanten werden aber durchaus bei kritischen – aber nicht designgeschützten – Ersatzteilen wie Bremsscheiben beauftragt, liefern aber häufig fehlerbehaftete Teile, wie eine Untersuchung von Brembo (renommierter italienischer Bremsenhersteller) kürzlich aufgezeigt hat (VDI Nachrichten vom 4.8.06, Seite 4): "Über ein Drittel aller Bremsscheiben auf dem Ersatzteilmarkt weisen zum Teil schwerwiegende Mängel auf".

Die Kundenbindung ist allen Kfz-Herstellern nicht zuletzt aufgrund des Ersatzteilgeschäftes, das wiederum ein Neuwagengeschäft generieren kann, ein großes Anliegen. Mercedes geht seit dem Sommer 2006 neue, ungewohnte Wege: Für bestimmte ältere Modelle kann der Kunde über eBay eine Mercedes Werkstatt suchen, die zu reduzierten Preisen Standardservice-Umfänge anbietet. Der Preisvorteil liegt hier bei ca. 10-20%. Der Vorstoß geht gegen die freien Werkstätten, die noch preiswerter sein können, wo aber der Kunde gleichzeitig Angst um die Qualität der Arbeit oder der verwendeten Ersatzteile haben kann.

In der Luftfahrtindustrie verdient bei Flugzeugtriebwerken das Parts Manufacturer Approval (PMA) eine besondere Bedeutung. Denn es regelt staatlicherseits die Nachbauten für Bauteile des Originalherstellers. Die U. S. Federal Aviation Authority (im Weiteren FAA), also die Luftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten, gewährt in nunmehr beständiger Praxis Antragstellern die Genehmigung zur Herstellung, zum Verkauf und zum Einbau von in Luftfahrzeugen zur Verwendung kommenden Teilen (hier: Triebwerken), ohne dass diese Antragsteller der Originalhersteller des Luftfahrzeugs bzw. seiner Komponenten sind oder eine Genehmigung durch den Originalhersteller unterhalten. Solche Nachbauteile unterliegen weder dem Qualitätssicherungssystem des ursprünglichen Herstellers, noch übernimmt dieser irgendeine Verantwortung in Bezug auf solche Nachbauteile. Dennoch erteilt die FAA eine Vielzahl solcher Genehmigungen mit dem Ziel, den Wettbewerb in der Luftfahrt zu fördern.

Die FAA gewährt Parts Manufacturer Approvals in zwei Fallgruppen
Quelle: Rolls-Royce Deutschland


Zu beachten ist dabei, dass ohne ein Parts Manufacturer Approval die Herstellung und die Verwendung solcher Teile in zulassungspflichtigem Luftfahrtgerät nicht möglich wäre, da Luftfahrzeuge grundsätzlich nur so konfiguriert und betrieben werden dürfen, wie es in der Musterzulassung für dieses Luftfahrzeug bzw. Triebwerk vorgesehen ist.

Erst das PMA durch die FAA, die allein zuständig ist, Änderungen an den von ihr zugelassenen Luftfahrzeugen zu genehmigen, ermöglicht es, anderen als den Originalherstellern, diesen Markt zu bedienen und legalisiert die Verwendung von Nachbauteilen.

Hierbei machen sich die Hersteller von Nachbauteilen zu Nutze, dass sie die hohen Aufwendungen für die Entwicklung und Zertifizierung des Gesamtsystems, die den Originalhersteller treffen, vermeiden können und für die weltweite Betreuung des Gesamtsystems nicht aufkommen müssen. Gleichzeitig sind aber diese Vorleistungen unabdingbare Voraussetzung für den Markteintritt der Nachbauteile-Hersteller.

Zunehmende Komplexität der Nachbauteile und wachsende Kritikalität, also der Grad der Gefährdung des Flugzeugs im Falle des Versagens des Bauteils, können es allerdings schwierig machen, die Verantwortlichkeit genau zuzuordnen. Kommt es etwa zu Folgeschäden, sagen wir in Folge eines veränderten Schwingungsverhaltens des Nachbauteils und einer dadurch verursachten Beeinträchtigung anderer Bauteile sowie deren anschließendem Versagen, wird die Ursache nicht immer hinreichend klar abgrenzbar sein.

Es ist insgesamt zu fragen, ob zu Recht eine hinreichende technische Integrationsfähigkeit der Hersteller eines Nachbauteils unterstellt wird. Auf eine Vielzahl von Nachbauteilen dürfte zutreffen, dass deren Hersteller im Fall eines Bauteileversagens im Betrieb die erforderliche Fehleranalyse nicht ohne weiteres bzw. nur unter Rückgriff auf Daten, Angaben zu Materialeigenschaften oder sonstige Erkenntnisse des Originalherstellers leisten können.

Prof. Dr.-Ing. Nicolas Sokianos

Quelle: Matthias Funk: Die Genehmigung des Nachbaus von Luftfahrzeug-Teilen in
Produkt- und Konzeptpiraterie, Hrsg.: Nicolas P. Sokianos

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