Pressespiegel
Disziplin - eine vergessene Tugend?
(Rotary Magazin Dezember 2006 - Rubrik "Zeitzeichen")


Disziplin - eine vergessene Tugend?

Nicolas P. Sokianos, R.C. Berlin

Der Begriff Disziplin (lat. disciplina = Lehre, Zucht, Schule) wird zunehmend in die gesellschaftlichen Diskussion eingebracht, zuletzt durch die Streitschrift von Berhard Bueb, "Lob der Disziplin", die in diesem Herbst erschienen ist. Als gebürtiger Grieche bin ich der Meinung, dass die Deutschen stärker als andere Völker zu diszipliniertem Verhalten bereit sind. Aber diese Einstellung bröckelt! Sie müsste jedoch gepflegt, ja sorgfältig restauriert werden.


Erziehung ist Voraussetzung
Die Erziehung hat über Jahrtausende Einfluss auf die Disziplin in der Gesellschaft. Hier ist vor allem die Erziehung in Familie und Gesellschaft ausschlaggebend. Als Gegenbewegung zu einer einseitig auf Gehorsam gegenüber dem autoritären Staat ausgerichteten Erziehung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die antiautoritäre Erziehung der 60er, geboren aus einem Wunsch nach Befreiung von "überkommenen" Denk- und Verhaltensregeln, jedoch Respektlosigkeit und eine neue Art von Tyrannei der Sprösslinge gegenüber der Gesellschaft gefördert. Respektlosigkeit und Disziplin verhalten sich wie Feuer und Wasser. Die antiautoritäre Erziehung, eine durch Experten auch theoretisch argumentierte Form der Erziehung, hat der Disziplin geschadet.

Die heutige Situation in der Schule, mit der die Lehrer in Deutschland konfrontiert werden, ist häufig charakterisiert einerseits durch laissez faire (überforderte Lehrer, gestresste Eltern), andererseits durch den Mangel an glaubwürdigen Vorbilder.

Viele Familien sehen die Erziehung ihrer Kinder nicht als ihre Aufgabe an, sondern als die der Lehrer und im übertragenen Sinne des Staates. Diese Einstellung wird nicht nur aus geschichtlich-sozialen Traditionen der ehemaligen DDR gespeist, sondern ist durchaus auch im gesellschaftlichen (Unter)Bewusstsein der BRD-Bürger verankert. Das wachsende Heer der Alleinerziehenden verstärkt diesen Delegationswunsch an die Lehrer, die jedoch nicht den hohen Erwartungen gerecht werden können! Weder mental, noch von den Mitteln her und auch nicht durch ihre Stellung in der Gesellschaft. Die Reduktion auf die bloße fachliche Unterrichtsbeziehung lässt die Persönlichkeitsbildung weitgehend außer Acht. Disziplin kann so nicht gefördert werden, ja sie wird nicht einmal ernsthaft thematisiert.

Welche Möglichkeiten haben Fachhochschulen und Universitäten? Leider berechtigen diese Bildungsträger in Bezug auf Disziplin zu keinen großen Hoffungen. Von einzelnen Initiativen abgesehen, beschränken sich die Professoren in ihrer jeweiligen "Disziplin" auf die rein fachliche Kommunikation und sind darüber hinaus auch administrativ stark gefordert, zurzeit etwa mit der Umstellung ihrer Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse. Eine Diskussion um Werte und Tugenden wird, sofern sie überhaupt stattfindet, zudem mit Misstrauen beäugt, es wird eine passende (politische) "Schublade" gesucht, um den Initiator hineinzupressen. Die Defizite sind unübersehbar und nehmen seit Jahren zu.

Nicht anders in der Berufsausbildung. Ist früher im Handwerk der Meister auch als Erzieher akzeptiert gewesen, so ist dies heute nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Kostendruck und Lean Production lassen keinen Spielraum, die gesetzliche Unterminierung des Meisterprofils in den letzten Jahren wird die Situation noch verschlechtern. Nein, Disziplin als Wert, als Tugend kann hier auch nicht dauerhaft verteidigt werden.

Und die Rolle der Medien? Das dominante Medium ist zweifellos das Fernsehen. Hier jedoch scheint das Thema Disziplin nicht attraktiv genug oder auch nur zeitgemäß zu sein, kaum eine Diskussionssendung geht darauf ein. Im Trend liegen andere Themen. Es wäre wohl auch zu viel verlangt, "Erziehung" den Fernsehmachern ins Drehbuch schreiben zu wollen. Dafür sind sie weder ausgebildet noch beauftragt.


Ohne Disziplin geht nichts
Dieser ernüchternden Bilanz auf der Angebotsseite stehen massive Forderungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gegenüber:

Wirtschaft: Von der Elektro- über die Automobilindustrie, die Pharmaindustrie bis zum Investment Banking: Disziplin in den Prozessen der Leistungserbringung, gestützt auf best practise Standards, ist kein nice to have, sondern eine zwingende Notwendigkeit für Qualität und Effizienz: Sie wird von international erfolgreich agierenden Konzernen, aber auch von vielen mittelständischen Unternehmen praktiziert. Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz von Prozessdisziplin ist, dass Werte und Prozesse definiert, diskutiert, überprüft und weitgehend akzeptiert sind. Das ist Ergebnis einer Kommunikationsaufgabe, die man erlernen und immer wieder trainieren muss, wenn man erfolgreich bleiben will. Prozessdisziplin muss aktiv gelebt werden, sie darf nicht nur als Alibi für eine Zertifizierung in Papierform abgeheftet werden. Sogar in den schwierigen (weil künstlerisch angehauchten) Gebieten der Produktentwicklung und des Vertriebs findet Prozessdisziplin zunehmend Beachtung.

Politik: Vor dem Hintergrund der Disziplinlosigkeiten in der EU-Haushaltsplanung zeigt die gescheiterte EU-Verfassung, dass Disziplin nicht nur mit monetären Werten zu tun hat, sondern mit Werten überhaupt. Es war illusorisch, zu glauben, man könne die Verfassung im eiligen Umlaufverfahren durch die Völkergemeinschaft bringen, ohne eine substanzielle Auseinandersetzung über die gemeinsamen europäischen Werte zu suchen.

Sport: In diesem Feld sind die Weichen klar gestellt: Keine sportliche Spitzenleistung, weder als Mannschaft noch als Einzelleistung, ist ohne Trainingsdisziplin und Selbstdisziplin über lange Jahre möglich. Disziplin stellt sich auch nicht von alleine ein, sie muss ständig aktiviert und gefordert werden.

Kunst: Vandalismus, Wand- und Türschmierereien werden mitunter von Experten mit "Autorität" als Kunst deklariert. Dies ist nicht nur eine Beleidigung der Intelligenz der Geschädigten (Steuerzahler), sondern auch der wirklichen Künstler. Kunst ohne Disziplin kann nicht dauerhaft schöpferisch produziert werden. Es ist eine falsche Annahme, dass Kunst keine Disziplin verträgt. Das belegen viele berühmte Künstler, die nicht nur diszipliniert gearbeitet, sondern auch Disziplin gepredigt haben, Walter Gropius, zum Beispiel, und Andy Warhol.


Korrektiv ist das Gewissen
Disziplin hat ihre Grenzen: Anordnungen, die den humanen Grundwerten widersprechen (Respekt vor der Würde des Menschen, Recht auf freie Meinungsäußerung) entbindet den Menschen von Gehorsam. Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind leider häufig unter dem Deckmantel der Befolgung von Anweisungen "von oben" praktiziert worden. Oberstes Korrektiv ist aber immer das eigene Gewissen. Disziplin gegenüber staatlicher Autorität endet in jedem Fall dort, wo die Anordnung grundlegenden humanen Werten widerspricht. Waren die Flucht aus der DDR über die Mauer und der Massen-Exodus 1989 Disziplinlosigkeit? Natürlich nicht, denn die staatliche Autorität der DDR hat humane Grundwerte (die Freiheit) systematisch verletzt.

Disziplin ist heute eine vergessene Tugend. Gerade diese Tugend aber ist eine Voraussetzung für die Schaffung und Verteidigung von Werten. Wenn wir wollen, dass in unserer Gesellschaft bestimmte Werte respektiert werden, dann müssen wir der Disziplin wieder die notwendige Beachtung schenken. Vor allem aber unsere Jugend entsprechend erziehen.

 © Prof. Dr.-Ing. Nicolas. P. Sokianos

Prof. Dr.-Ing Nicolas P. Sokianos lehrt Produktionsmanagment an der TFH Berlin und ist Inhaber der Firma LOGICON® Consulting.

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