Pressespiegel
 Gießereien im Hochlohnland Deutschland 
(GfPMagazin September 2007)


Gießereien im Hochlohnland Deutschland
Der Spagat zwischen besserer Qualität und höheren Fertigungskosten
Prof. Dr.-Ing. Nicolas P. Sokianos

Am 11.06.2007 fand ein GfPM Treffen des AK Berlin-Brandenburg bei Pierburg in Berlin statt. Als Gastgeber ermöglichte Dr. Michael Mielke, Leiter des Pierburg-Werks Berlin und Vorstandsmitglied der GfPM, den Teilnehmern einen umfassenden Einblick in die Leichtmetallgießerei. Neben einigen GfPM-Mitgliedern nahmen auch interessierte Studenten des von Prof. Sokianos geleiteten TFH-Master-Studiengangs Produktionssysteme (Berlin) teil.

Die Kolbenschmidt Pierburg AG gehört zum Rheinmetall Konzern, dessen Hauptgeschäftsbereiche der Automotive und Defence Sektor sind. Innerhalb der Kolbenschmidt Pierburg Gruppe ist Pierburg der Spezialist für Schadstoffreduzierung, Luftversorgung, Drosselklappen und Magnetventile sowie Öl-, Vakuum- und Wasserpumpen.

Am Standort Berlin werden elektrische Drosselklappen, elektrische Antriebsmodule (EAM) - so genannte Aktuatoren - und AGR-Ventile (Abgasrückführungssysteme) gefertigt. Die Kernkompetenzen liegen im Druckguss von Leichtmetallen, der anschließenden mechanischen Bearbeitung und der Endmontage.

Mit ca. 50 Mitarbeitern und bei einer Tageskapazität von mehr als 3t werden in der Gießerei hauptsächlich die Aluminium-Gehäuse für die Drosselklappen hergestellt. Kernprozesse sind das Gießen (wobei die Formen nicht selbst gefertigt werden), das Stanzen / Entgraten und die Oberflächenbearbeitung.

Nach einer ausführlichen Firmenpräsentation von Dr. Mielke führte Herr Jäpel - Leiter der Gießerei - die Teilnehmer durch die Gewerke "seiner heiligen Hallen". Mit seiner großen Erfahrung von mehr als 30 Jahren im Gießen technischer Bauteile erläuterte er die Arbeitsvorgänge verschiedener Maschinen, die dabei verwendeten Werkzeuge sowie die Prozessabläufe inklusive der Qualitätssicherung. Fragen der Teilnehmer waren jederzeit willkommen und wurden umgehend beantwortet. Die Problematik des Kostendrucks am Standort Berlin ist unverblümt erörtert worden. Zum Abschluss des GfPM Treffens gab es eine Diskussionsrunde, in der die beiden Pierburg Verantwortlichen auch Optionen der Einbindung von Studierenden bei Pierburg erläutert haben.

Führung und Erläuterung der Fertigung durch
Herrn Dr. Mielke / Herrn Jäpel - hier Druckgusswerkzeug
in der Instandhaltung


Frisch gegossene Drosselklappengehäuse aus einer 4-fach-Form


Trotz einer Vielzahl an angemeldeten Patenten ist die Fertigungstechnologie des Druckgießens sehr weit verbreitet, d. h. es gibt viele Konkurrenten und der Wettbewerb ist extrem hart. Es kommt auch vor, dass Teile an die Konkurrenz geliefert werden; Pierburg ist führend im Guss von Magnesium für die Automobilindustrie, das Kompetenzzentrum hierfür ist jedoch nicht in Berlin, sondern in Nettetal. Bei derart komplexen Gussteilen wie sie Pierburg fertigt und den schwer zu beherrschenden Fertigungsverfahren ist eine interne Ausschussrate von ca. 4-5% beachtlich. Jedoch ist speziell in der Automobilindustrie die Null-Fehler-Philosophie allgegenwärtig. Eine vom Kunden geforderte Fehlerquote von 20-30 ppm - oder am besten gleich 0 ppm - ist an der Tagesordnung. Der Soll-Wert für Pierburg liegt im Jahr 2007 bei 30 ppm. Diese niedrigen Raten können nur durch ein hervorragendes Produktionssystem gewährleistet werden.

Qualitätsprüfung in der Fertigung
mittels Sichtkontrolle -
Hilfsmittel: Fotografien


Neben Werkerselbstkontrolle und gesonderten Sichtprüfungen müssen Röntgengeräte und Kameras eingesetzt werden, um die geforderten Qualitätsstandards zu erreichen. Jedoch ist dies natürlich ein erheblicher Kostenfaktor (geschätzte 150.000 Euro sind eine realistische Annahme), der die Herstellkosten in die Höhe treibt. Kein Wunder, dass man allerorts die "klagenden" Hersteller hört: "Die Teile dürfen nichts kosten, müssen aber qualitativ in der 1. Liga spielen."

Die Alternative für die Einkäufer sind Produkte aus den so genannten "Low Cost Countries". So entsprechen z. B. die Lohnkosten eines Werkes in Tschechien nur etwa 1/6 derer in Deutschland. Rendite-Vorgaben diktieren das Geschäft, z.T ohne jegliche Sentimentalität und Bindung zum Standort Deutschland. Hinzu kommt, dass es bereits viele OEMs gibt, bei denen die Einkäufer per Zielvereinbarung an den Kauf von X% des gesamten Einkaufsvolumens in "Low Cost Countries" gebunden sind. Zielabweichungen werden bestraft.

Der Druck auf den Standort Deutschland wächst unaufhörlich.

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