Pressespiegel
 Wirtschaftsprognose: Im fünften Kondratjew 
(GfPMagazin Dezember 2008)


Wirtschaftsprognose: Im fünften Kondratjew
Prof. Dr.-Ing. Nicolas P. Sokianos

Die teilweise unbeholfenen Reaktionen von Politikern und Bankern haben angesichts des zusammengebrochenen, kreditfinanzierten US-Immobilenmarktes den nüchternen Blick auf den erwarteten Abschwung verstellt. Nur so sind die Hoffnungen zu erklären, das Platzen der "Kreditblase" würde die Realökonomie nicht wesentlich behelligen. Und ob sie das tut!
Aber - sie ist nicht die alleinige Ursache für den Abschwung, der sehr wahrscheinlich über eine Rezession in die Depression 2009 und 2010 führen wird.

Mit zyklischen Entwicklungen an den Märkten hat sich zuerst der russische Ökonom Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew befasst (1892 -1938). Er wollte zu Beginn von Lenins "Neuer ökonomischen Politik" die junge Sowjetunion mit marktwirtschaftlichen Instrumenten gestalten und wandte sich öffentlich gegen die Planwirtschaft. 1928 wurde er seines Amtes als Direktor des Konjukturinstitutes (vergleichbar mit einem Wirtschaftsministerium) abgesetzt; er stand im Verdacht, den Kapitalismus wieder einführen zu wollen und wurde schließlich von Stalin 1938 liquidiert. Seine ökonomische Theorie hat ihn jedoch überlebt und gibt bis heute wesentliche Erkenntnismuster und eine Basis für langfristige Konjunkturprognosen.


Kondratjew-Wellen-Theorie
Kondratjew kam zu dem Schluss, dass sich Perioden von 35 bis 60 Jahren, in denen überwiegend wirtschaftliches Wachstum und Prosperität (in den entwickelten Industrieländern) herrschen, mit langen Perioden wirtschaftlichen Abschwungs und Stagnation, quasi wellenförmig, ablösen.

Erste Welle:
Um 1780, Industrielle Revolution, Fabrikarbeit, Dampfmaschinen-Nutzung, Abschwung 1814-1850.

Zweite Welle (2ter Kondratjew):
Beginnt mit der verbreiteten Nutzung der Eisenbahn (ab 1850) und dauert bis zum Ende des Jahrhunderts.

3ter Kondratjew:
Wird entfacht durch die industrielle Nutzung von Chemie und Elektrotechnik sowie dem Schwermaschinenbau und dauert bis ca. 1920. Seine Ablösung führte in die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre.

4ter Kondratjew (ab 1945):
Ist gekennzeichnet durch die starke Automatisierung und die Nutzung des PKW und LKW von breiten Bevölkerungsteilen. Auch die Nutzung des Flugzeugs als industrialisiertes Verkehrsmittel fördert den Aufschwung. Die Rezession in den 60/70ern beendet diesen Zyklus.

5ter Kondratjew:
Angefacht durch die rasante Verbreitung der Informationstechnologie, verstärkt durch das Internet und seine globale Nutzung (auch im Distributionsgeschäft für Kredite, Verbriefungen und Derivate) wurde in seiner Dynamik durch das Platzen der dot-com-Blase 2001 gebremst, um erneut an Kraft durch die "China-Euphorie" zu gewinnen. (Obama hat den Chinesen bereits "harte Bandagen"angedroht, da sie ihre Währung zu Lasten der US-Industrie manipulieren).

Business Cycle Theorie: Sie wurde vom US-Ökonom Westley Clair Mitchell entwickelt (1874-1948) und hat die Wellen-Theorie von Kondratjew verwendet. Nach Mitchell folgen 4 Phasen in einem Konjukturzyklus aufeinander:
A. Prosperität
B. Rezession
C. Depression und
D. erneuter Aufschwung

Während Kondratjew die Wellen eindeutig an technologischen Innovationen gekoppelt sieht, sah Mitchell die Verbindung zwischen Konjunktur und Gesellschaft als Schlüssel und als Problem zugleich. So trat er für regulierende Eingriffe ein und fordert sogar die Schaffung einer Planungsbehörde.
Es scheint, als sähen einige Politiker und Zentralbanker in seinen Ideen die Rettung. Kondratjew hätte da stark opponiert.


Sonderstellung der Banken
Mit Verwunderung fragt sich der Unternehmer in kleinen und größeren Unternehmen, wieso denn die Banken in den USA, in Deutschland und in der EU eine derartige Sonderstellung erlangt haben, wieso sie gerettet werden müssen, aber die Möbelfabrik oder der Dachdecker-Betrieb oder der Autozulieferer nicht.
Die Politik hat eine schnelle Antwort zur Hand: Die müssen gerettet werden, damit es "den Bürgerinnen und Bürgern", nicht schlecht gehen soll, damit sie nicht vor verschlossenen Banktüren stehen und ihr erspartes (und versteuertes) Geld nicht verlieren. So weit ist es also. Zu Recht erwähnt der ehemalige Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer, das aus dieser fatalen Situation abgeleitete Legitimitätsproblem dieses Systems; unserer gesellschaftlichen Ordnung. Die Banken verfügen über ein gewaltiges und furchteinflößendes Drohpotential. Und die sogenannte systemische Struktur des Bankensystems bedeutet, dass aufgrund der gegenseitigen Verflechtungen und des bewusst intransparent und außerbilanziell generierten Schadens, Zusammenbrüche einzelner Banken in ihren Auswirkungen unberechenbar sind. Sind sie es wirklich? Auch das darf bezweifelt werden. Haben doch in den USA in der Zwischenzeit 13 Bankinstitute ihren Betrieb ohne derartige Schäden eingestellt.

Panikartige Zinssenkungen
In ihrer Ratlosigkeit greifen Zentralbanker zu dem Mittel, das für die aufgeblasenen Geldmärkte in der Vergangenheit die Ursache war: Geld zu fast Null Zinsen wird nicht nur diskutiert, es ist beschlossen. Auf die Fragen, wer denn, wann und wie, was zurückbezahlen soll und kann, gibt es keine Antworten. In Island kann man das Ergebnis in kleinem Umfang "bewundern": Der Staat erklärte seine Zahlungsunfähigkeit.


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