Pressespiegel
Indien: Ein Gigant im Aufbruch
 
 (GfPMagazin März 2015


Indien: Ein Gigant im Aufbruch
Prof. Dr.-Ing- Nicolas P. Sokianos

Bei der Globalisierung der Produktion hat meistens China den prominenten Platz in den Medien. Indien scheint sekundär, zu Unrecht. China und Indien sind Konkurrenten. Die industrielle Produktion in Indien ist bei vergleichbaren Produktgruppen und Fertigungstiefen häufig kostengünstiger (bis zu 25%) als in China, allerdings ist die indische Qualität schlechter als die chinesische. Es gibt sehr bekannte, ja renommierte indische Unternehmen, Konzerne im Weltformat: TATA ist vermutlich der bekann-teste aufgrund der erfolgreichen Übernahme der ehrwürdigen britischen Automobilfirma Jaguar. Wer konnte sich das vor 30 oder 40 Jahren vorstellen? Die ehemaligen Diener der Engländer, die Inder, kaufen ein "Schmuckstück" der englischen Krone JAGUAR. Zugegeben, eine problematische Firma, die fast nicht sanierungsfähig schien; Ford hatte sein Glück mit Jaguar auch versucht, mit bescheidenem Erfolg.
Das Kunststück der erfolgreichen Sanierung, das ist TATA gelungen. Und zwar derart überzeugend und gekonnt, dass Jaguar unter den neuen Eigentümern mit sehr hochwertigen neuen Modellen und mit britischem "Engineering-Geist" die deutschen Platzhirsche, BMW und Mercedes eiskalt aufs Korn nimmt.

Indischer Verkehr (Foto: N. Sokianos)

Am anderen Ende der Skala, beim kleinsten TATA, dem Nano, da hat das Unternehmen seine ambitionierten Absatzpläne nicht erfüllen können. Nicht mal im Heimatmarkt in Indien, kann sich der sehr günstige Nano durchsetzen. Mit so wenig "Prestige" kommen die Inder zu nahe an Kasten, von denen sie sich distanzieren wollen und kaufen lieber einen soliden Suzuki-Marutti, ein indisches Produkt, realisiert in langjähriger Partnerschaft mit den Japanern.
Ein anderer indischer Gigant, Weltmarktführer sogar, ist Arcelor Mittal, geführt als Familienkonzern, trotzt er auf allen Kontinenten dem scharfen, ja angesichts des Preisverfalls, ruinösen Stahl-Wettbewerb, mit deutschen und japanischen Konzernen.
Mittal hat über Jahrzehnte eine riskante, aber erfolgreiche Akquisitionsstrategie geführt.
Beispielsweise ist das Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, auf- und ausgebaut in der DDR, zu den besten Zeiten mit über 12.000 Mitarbeitern nach seiner Privatisierung schließlich bei dem indischen Konzern gelandet und beschäftigt heute ca. 3.000 Mitarbeiter.

Stahl aus Eisenhüttenstadt (Foto: N. Sokianos)

Dabei werden die Inder im Unternehmen nicht sichtbar, die Führung haben deutsche Manager, die an die europäische Konzernzentrale in Luxemburg berichten. Größere Investments, das versteht sich, müssen die Genehmigung der Zentrale erhalten.

In Indien operieren aber nicht nur Konzerne wie die erwähnten, das Rückgrat der Produktion bilden kleine und mittelständische Unternehmen, häufig in Familienbesitz. In der Größenordnung bis 300 Mitarbeiter prägen die KMU das Bild des Geschehens: Produziert wird rund um die Uhr, in 12-Stunden-Schichten, mit einer eigenen Kernmannschaft und mit einer komplementären Belegschaft, die über etablierte Dienstleister für den Personalnachschub sorgen. Die Monatsgehälter der ungelernten Mitarbeiter liegen bei 120 € im Monat, qualifizierte Techniker verdienen ca. 300 €, Ingenieure um die 600 €. Ein Produktions- oder ein Technischer Leiter verdient um die 800 €.
Sozialversicherung über den Arbeitgeber ist gesetzlich nur für die untersten Gehaltsgruppen vorgeschrieben. Für die höher Entlohnten ist eine Sozialversicherung, die der Arbeitgeber bezahlt, Verhandlungssache.

Das industrielle Leben in den großen Ballungszentren, wie in Delhi, ist ein gewöhnungsbedürftiges Abenteuer. Die Straßenverbindungen sind im Zustand der permanenten Überlastung. Kühe am Straßenrand und hunderte von Kleinstläden sowie von Werkstätten prägen das Bild. Alles ist dauerhaft umhüllt in eine Smog-Wolke.

Die unternehmerische Ader scheint sehr vielen Indern im Blut zu liegen. Verständlich wird das schon, wenn man sich mit der von Kasten geprägten indischen Gesellschaft befasst.
Man wird in eine Kaste geboren und erträgt sein Dasein in eben dieser Kaste. Verbesserungen im Lebensstandard müssen mit Intelligenz, mit einem riesigen Arbeitspensum und mit unternehmerischer Leistung errungen werden. Chef im eigenen (Klein)betrieb zu sein, das ist ein Lebensziel. Ein anderes ist: Beamter, Funktionär im komplizierten Staatsapparat, dem die Korruption nicht fremd ist.
Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist in Indien extrem. Die Nöte sind existentiell. Hunderttausende schlafen im Freien, an Straßenrändern, die Verfügbarkeit von Toiletten ist für Millionen Inder ein Luxus: nicht vorhanden!
Der im Jahr 2014 an die Macht gewählte Regierungschef Modi, ein Hindu, hat im Wissen über diese Missstände Toiletten und Tempel programmatisch verkündet. Das ist eine zweifache Notwendigkeit, physisch und psychisch.

Wer nur die sehr reiche indische Elite, die in luxuriösen Villen in den teuersten Londoner Gegenden residiert, vor Augen hat, der hat ganz sicher ein einseitiges Bild von Indien. Auch die schillernde Informationstechnologie, die über das Outsourcing von IT-Dienstleistungen (seit ca. 20 Jahren) nach Indien ausgelagert und berühmt geworden ist, ist lediglich eine relativ kleine Scheibe des indischen Wirtschaftslebens. Allerdings produziert diese Branche über die renommierten Kunden, wie Microsoft, SAP und IBM, die Schlagzeilen und zahlt der indischen IT-Elite Spitzengehälter im Vergleich zum Industrie-Durchschnitt.


Politik mit Vision
Der Premierminister Narendra Modi regiert mit einer absoluten Mehrheit der indischen "Volkspartei BJP", verstärkt durch die Kooperation der "National Demokratischen Allianz" (NDA). Die bisherige Regierungspartei, die "Indian National Congress", eine ewige Institution in Indien, ist einfach "versenkt" worden von der Wählerschaft der über 800 Millionen Wahlberechtigten, von denen 550 Millionen von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben.
Modi ist ein hochkarätiger Hindu, hat zudem den politischen Instinkt der Integration. So suchte er bald nach seinem Wahlsieg nicht nur die Nähe des (muslimischen) Pakistan, sondern auch die der anderen "Nachbarn": Bangladesch, Nepal, Sri Lanka, Bhutan, Birma und demonstrierte den Willen zum "taktgebenden" Politiker der Region.
Die Religion der Hindus ist ein extrem wertvoller Träger von Botschaften. So war das erste Ziel von Modi der Ort Varanasi. Diese Stadt am Ganges gilt unter Hindus als heilige Stätte, vergleichbar mit Medina für den Islam. Varanasi wählte Modi zu seinem Wahlkreis.
Modi entstammt einer niedrigen Hindu-Kaste, schloss sich aber früh der hindu-chavinistischen RSS an. Das hat ihm sehr viele Kritiker aber auch noch mehr Unterstützer in seinem politischen Leben gebracht.
Modi gilt als Freund der Erneuerung und der Industriellen; er ließ den Worten Taten folgen: Die Verbesserung der sanitären Versorgung des Landes ist Programm; nicht der einzige Programmpunkt: Die Reform der Arbeitsgesetze und massive Investitionen in die Verkehrs- und IT-Infrastruktur des Landes erzeugen eine Aufbruchstimmung und Wachstumsraten, die das krisengebeutelte Europa mit seinem Null-Wachstum in sehr schalem Licht erscheinen lassen. Jobs sind in Indien dringend benötigt, 12 Millionen jedes Jahr, denn das Land wächst schnell. Die Hälfte der Inder ist unter 25 Jahren. Projektionen sehen für 2020 einen der größten Verbrauchermärkte der Welt, dann wird das Durchschnittsalter 28 Jahre betragen. Indien ist also nicht nur eine gigantische Produktionsstätte, es stellt einen der größten Verbrauchermärkte der Welt dar!
Ein Grund für viele westliche und japanische Unternehmen, auch für kleinere, ihre Präsenz dort evtl. über Joint Ventures systematisch auf- und auszubauen wie das Berliner Unternehmen NOVAPAX Kunststofftechnik.

NOVAPAX Venus Polymers in Delhi (Foto: N. Sokianos)

USA - Indien
Die Aktivierung des im Jahr 2008 unterschriebenen Vertrags über eine enge Zusammenarbeit im Feld der Atomenergie, die aufgrund hoher Haftungsforderungen (bei Unfällen) seitens der indischen Regierung an die Hersteller zur langen Verzögerung führte, hat ein Signal gesetzt. Die Haftung wird versichert. Modi und Obama haben im Januar einen praktikablen Weg zur bilateralen Zusammenarbeit gefunden. Gleichzeitig haben die Russen den Kürzeren gezogen.
Das denkwürdige Treffen hat am 25.01.2015 in Neu Delhi stattgefunden. Premier Modi setzt massiv auf die Atomenergie, um alte Kohlekraftwerke zu ersetzen und somit die CO2 Emissionen zu reduzieren.



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