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Im Osten nichts Neues? Industrielle und wirtschaftliche Perspektiven in Russland (GfPMagazin Juni 2015) |
Im Osten nichts Neues?
Industrielle und wirtschaftliche Perspektiven in Russland
Prof. Dr.-Ing- Nicolas P. Sokianos
Die heftigen wirtschaftlichen und industriellen Auseinandersetzungen zwischen der westlichen Welt und Russland, entfacht um den Krieg in der Ukraine, den immer noch nicht ursächlich geklärten Abschuss des malaysischen Passagierjets und schließlich die Schaffung von Fakten auf der Krim, bilden ein schwer zu entwirrendes Knäuel an Problemen.
Sie haben eins klar hervorgebracht: Eine schwere Schädigung der Industrie-Beziehungen zwischen Deutschland und Russland, mit signifikanten Einbußen im Geschäft, die durch den entschlossenen Vorstoß von chinesischen und indischen Wettbewerbern in den russischen Markt zum nachhaltigen wirtschaftlichen Verlust von Marktanteilen führt.
Traditionell ziehen die Russen Geschäfte mit deutschen Unternehmen vor, setzen auch gerne deutsche Manager zur Führung von russischen Unternehmen ein, aber wenn es um nationale russische Interessen geht, gibt es Grenzen.
Die Ursachen des Abschusses des malaysischen Passagierflugzeuges über ukrainischem Gebiet sind nur zum Teil geklärt. Gleichwohl fällt ein Teil der Schuld auf die ukrainische Regierung, die den Luftraum über dem umkämpften Gebiet, wo bereits die Aufständischen Militärflugzeuge beschossen, hätten sperren müssen. Sie taten es nicht mit der sehr fadenscheinigen Begründung, so hoch wie der Passagier-Verkehr fliegt, hätten die Aufständischen bis dahin nicht geschossen! Fakt ist, dass dem ukrainische Luftverkehr Entgelte entgangen wären, wenn Sie ihren Luftraum gesperrt hätten. Fakt ist auch, dass zum Abschuss russische Buk-Luftabwehrraketen verwendet wurden.
Fakt Nummer drei: Das Leitsystem der Raketen-Batterie kann kaum zivile von militärischen Flugzeugen unterscheiden.
Wie auch immer, eines der sichtbarsten Zeichen der Probleme in Russland ist die Schließung des Opel Werkes, das mit großen Hoffnungen aufgebaut wurde. Das zweite, noch deutlichere Zeichen, ist der dramatische Verfall des Rubels gegenüber dem Euro und dem US Dollar. So wurden im Februar 2015 ca. 80 Rubel für einen Euro bezahlt, in der Zwischenzeit hat sich der Kurs verbessert auf ca. 60.
Euro-Kurs zum Rubel (Quelle: Comdirect.de) Militärische Industrie und Raumfahrt-Technologie sind die Parade-Branchen Russlands. Hier werden die besten Ingenieurköpfe des Landes aktiv. Diese Branchen sind auch Chefsache - im wörtlichen Sinne. So hat schon mehrmals Präsident Putin interveniert und neue Leiter in Schlüsselpositionen eingesetzt. Die Produktion militärischer Technologie braucht gute Werkzeugmaschinen. Sie wurden gerne vor der Krise in Deutschland geordert. Jetzt nicht mehr. Eine Tatsache, die die deutsche Industrie schmerzt. Vom Umsatz her bzw. vom Bruttosozialprodukt ist die Öl- und Gasindustrie unangefochten die Nummer eins. Ein deutscher Manager, tätig bei einem russischen Joint Venture, brachte es auf den Punkt: Die Wirtschaft Russlands, das ist Gazprom. Dass das Gas und Öl so reichlich in Russland verfügbar ist, ist auch ein Problem, denn es hat die Modernisierhat die Modernisierungs-Aktivitäten bei anderen Branchen gebremst. Noch deutlicher formuliert: die wurden sträflich, jahrzehntelang vernachlässigt. "Das Geld aus den Rohstoffen hat uns verblödet", sagte mir wörtlich eine Professorin, die sich als Touristenführerin ein Zusatzgehalt verdient, verdienen muss. Denn mit einem Professorengehalt von 180 Euro im Monat, kann man nicht überleben, auch dann nicht, wenn die Miete noch niedrig sein sollte. Rentner zu sein, ist wenig lustig, bei 60-70 Euro Rente monatlich. Auch hier ist ein Zuverdienst dringend angesagt.
Raumfahrtechnik
Die Raumfahrttechnologie stellte viele Jahrzehnte die Vorzeige-Branche der Russen dar.
Zeitweilig genoss sie sogar eine Monopolstellung bei der logistischen Verbindung der ISS, als nämlich die über private Firmen (space x) organisierte amerikanische Technologie den Dienst quittierte und explodierte.
Leider ist in diesem Jahr der russische Träger "Progress M-27 M" Ende April nach dem Start außer Kontrolle geraten. Die wertvollen Versorgungsgüter der internationalen Raumstation ISS sind mitsamt des Trägersystems durch den unkontrollierten Eintritt in die Atmosphäre verglüht. Die Amerikaner versuchen wiederum fieberhaft ihr System wieder zu ertüchtigen.
Flugzeugbau-Industrie
Dieses Feld zeigt in dramatischer Weise - wie kaum ein anderer Technologie-Schwerpunkt - den Absturz der ehemals mächtigen Sowjetunion. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass in der Ukraine ein großer Teil der Luftfahrzeuge entwickelt und hergestellt wurden. Dieses Land liegt nun im Krieg mit Russland. Entsprechend schwierig bis unmöglich gestaltet sich eine Zusammenarbeit. Die Aeroflot fliegt heute zum größten Teil Boeing und Airbus. Die Tochter Rossija setzt im Kurzstreckenverkehr (2000-4000 km) kleinere Antonovs-AN-148 Jets ein. Das ca. 80-sitzige Muster mit der seltenen Flügelgeometrie ist gelungen, wurde aber eben in der Ukraine (Kiew) unter Beteiligung der Russen (Erstflug 2007; in kleinen Stückzahlen, in Summe 35 Stück) gebaut. Der neu entwickelte größere Sukhoi Super-Jet- 100 hatte mit einem Absturz durch Pilotenfehler bei seiner Vorführung in Asien (in Jakarta 2012) einen unglücklichen Start und dürfte kaum einen sehr großen Marktanteil gewinnen, obwohl er zu Kampfpreisen von ca. $35 Millionen angeboten wird und im Gegensatz zur Antonov 148 einen relativ hohen Anteil an westlichen Kooperationspartnern aufweist, z.B. bei den Triebwerken SaM-146 (mit Frank-reich/Saturn-Snecma). Die Vermarktung erfolgt über ein italienisch-russisches Joint Venture.
Ob es gelingen wird mit diesem Flugzeug die veraltete TU-134 und Yak-42 innerhalb Russlands zu ersetzen, wird sich zeigen. In Summe sind von dieser Maschine, die ihren Erstflug 2011 hatte, ca. 300 Flugzeuge von verschiedenen Fluggesellschaften geordert worden.
Foto N. Sokianos: Antonov 148 Bahnindustrie
Die Bahnmärkte in Russland und GUS geben kurzfristig wenig Anlass für Optimismus. Langfristig gibt es jedoch einen enormen Bedarf für die Modernisierung der Infrastruktur und des rollenden Gutes. Der größte russische Fahrzeughersteller Transmasch Holding (TMH), der fünftgrößte Hersteller von Fahrzeugen weltweit, ist auf staatliche Hilfen angewiesen. Er kann seine Aufträge nicht ohne staatliche Unterstützung durchführen. Die russische Eisenbahn (RZD) spürt selber die angespannte Situation. Das Transportvolumen ist spürbar zurückgegangen und das hat Folgen, die auch die Lieferanten betreffen. Knorr-Bremse, eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen seiner Branche, investiert jedoch mit unternehmerischem Mut an mehreren Standorten in Russland und zwar durch den Aufbau eigener Produktionsstätten.
Foto: N. Sokianos, Dr. M. Krug
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