|
Interview aktuell: Warum werden gute Führungskräfte knapp, Herr Professor Sokianos? (Personalführung 2/97) |

Nicolas Ph. Sokianos, Jahrgang 1954, ist Gründer und Inhaber der Unternehmensberatung LOGICON®
und Professor an der TFH in Berlin. An unternehmungs- und personalpolitischen Fragestellungen
arbeitet der promovierte Ingenieur seit über 15 Jahren, zunächst in der Forschung, dann an Stabs-
und Linienfunktionen, anschließend als Wissenschaftler und Berater.
Er hat seit 1990 mit seinen Teams der Industrie und der industriellen Dienstleistung wesentliche
Impulse zur nachhaltigen Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit vermittelt. Sein besonderes Interesse
gilt der strategischen Personal- und Organisationsentwicklung im Kontext der Umsetzung von
Innovations- und Restruktierungsprozessen. Publikationen von Prof. Sokianos sind in mehreren
Sprachen, u.a. auch in japanisch, erschienen. Sein neuestes Buch,
Personalpolitik, -Human Resources gestalten statt verwalten- (1996), hat aufgrund der z.T.
„unorthodoxen" Aussagen eine aufmerksame Resonanz in der Presse gefunden.
Interview aktuell
(Personalführung 2/97)
Angesichts der täglichen Hiobsbotschaften zu der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen werden
vermutlich einige Leser der „Personalführung" diese Frage als deplaziert erachten, ja als Hohn.
Sie ist jedoch berechtigt, wie wir noch nachweisen werden.
Betrachten wir die Situation in der deutschen Wirtschaft: In den letzten fünf Jahren
- sind gestaffelt in verschiedenen Branchen, beginnend mit der Automobilindustrie -
mehrere Lean-Wellen festzustellen. Zunächst war die Produktion betroffen, dann auch andere
Bereiche der Industrie bis hin zu den Banken und allmählich auch der Öffentliche Bereich.
Lean Production wurde von Lean Management abgelöst, dann schlug die Stunde des Business
Process Reengineering und zuletzt wird der Shareholder Value von der Theorie in die Praxis
umgesetzt. Zweifellos sind diese Programme (einige sprechen von Philosophien) nützlich,
ja unerläßlich um im globalen Wettbewerb zu bestehen.
Den Restruktierungsaktionen sind viele Führungskräfte zum Opfer gefallen.
Die Verantwortung und die psychische Belastung, die die heutigen Führungskräfte zu tragen haben,
ist gravierend gewachsen. Das Burnout-Syndrom, ein körperlicher und geistiger
Erschöpfungszustand, wird bei vielen Führungskräften diagnostiziert.
Trotz eines 15-Stunden-Tages reicht die Zeit nicht aus, um die erforderliche Führungsarbeit zu
leisten, Personalentwicklung wird vernachlässigt, der Raubbau an der eigenen Substanz schwächt
die Leistungsfähigkeit der Organisation, die außer Costcutting auch kreative Ideen und
schöpferische Kraft benötigt. Kurzum: Viele Unternehmen haben es mit dem Abbau von
Führungskraft-Positionen übertrieben.
Auf dem Papier sieht eine Verdreifachung der Führungsspanne einfach aus, doch häufig genug
sind die personellen Voraussetzungen nicht mal bedacht, geschweige denn umgesetzt.
Bereits jetzt sind die Persönlichkeiten äußerst rar gesät, die den zum Teil extrem gestiegenen
Anforderungen an eine Führungskraft gewachsen sind. Darüber hinaus rächt sich die jahrelange
Vernachlässigung von Nachwuchsprogrammen, sind doch häufig genug diese Ausgaben als überflüssiger
Kostenfaktor und nicht als Investition in die Zukunft angesehen worden.
„Aus der Sicht der Banken, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensbürokraten zeigt sich das
Unternehmen grundsolide, wenn es Tausende von Stühlen und PCs kauft und massenweise
Ingenieure entläßt", hat 1995 Jürgen Fuchs treffend formuliert. Leider ist der Nachwuchs,
der über die Hochschulen und Universitäten ausgebildet werden könnte, zum ersten Mal in der
Nachkriegsgeschichte Deutschlands den Natur- und Ingenieurwissenschaftlichen
Fächern 1995 und 1996 ferngebliebenen.
Einbrüche bei der Immatrikulationszahlen in der Größenordnung 50-70% werden aus der ganzen
Hochschullandschaft gemeldet. Abgeschreckt von den deprimierenden Schlagzeilen bezüglich des
Niederganges der deutschen Industrie, stimmt auch die Jugend das no future Lied an. Die
Börsianer im In- und Ausland schätzen jedoch die zukünftigen Aussichten der deutschen
Wirtschaft anders ein, so klettern die Aktienkurse unaufhörlich weiter.
Meine Prognose lautet: Zur Jahrtausendwende wird es einen eklatanten Mangel an Spitzenkräften
in der Wirtschaft geben. Dann nämlich wird das deutlich anwachsende Auftragsvolumen auf fehlende
betriebliche und außerbetriebliche Nachwuchskräfte treffen. Da wird auch ein verzweifelter
Rückgriff-Versuch auf frühere Führungskräfte und Spezialisten nichts nutzen. Jene bauen sehr
schnell ab, ähnlich wie Sportler, wenn sie nicht mehr täglich gefordert werden.
In aller Bescheidenheit behaupte ich: Je eher Verantwortung tragende Unternehmer,
die hier skizzierten Entwicklungen antizipieren, desto besser ist es um die Wettbewerbsfähigkeit
ihrer Unternehmen bestellt.